Die Partei, die Partei

24. Oktober 2007

die hat manchmal das Internet verschlafen.

Gestern abend fand, organisiert von der Heinrich-Böll-Stifung, einer grünen Parteistiftung, eine Veranstaltung zum Thema „Mit Videokamera und Weblog – die Zukunft politischer Kommunikation?” statt. Da ich ich, wie einige vielleicht wissen, für politische Kommunikation im Internet interessiere, musste ich natürlich die Veranstaltung besuchen.
Auf dem Podium vertreten waren Markus Beckedahl (netzpolitik.org), Robert Heinrich (Leiter Öffentlichkeitsarbeit BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN), Prof. Dr. Manfred Kammer (Institut für Medien und Kommunikationswissenschaften MLU Halle) und als Moderator Martin Grimm (Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt). Das Auditorium war erstaunlich schlecht besetzt, es waren knapp 10 weitere Zuhörer an diesem Thema interessiert.

Ohne jetzt die gesamte Veranstaltung wiederzugeben, will ich kurz die Punkte, die für mich am wichtigsten waren, notieren.

Entwicklung der letzten 10 Jahre

M. Beckedahl hob die Entwicklung assymetrischer Kampagnenführung hervor, das heißt, keine finanziell gestützte Kampagne, sondern eine, die durch technische Vernetzung und Kollaboration durchgeführt wird. Beispiele dafür sind die Aktionen gegen Softwarepatente oder auch die „Freiheit statt Angst”-Demonstration im September. Weiterhin stellte er die Frage, die den ganzen Abend im Raum schwebte: Wie kann man Wähler für Parteien aktivieren? Beispielsweise haben die Grünen bei knapp 40.000 Mitgliedern 4.000.000 Wähler.
R. Heinrich ist der Meinung, das viele Parteien, auch seine eigene, das Internet zeitweise völlig verschlafen haben und zwei grundsätzliche Probleme mit dem Internet haben: Zum Einen wird es nur als digitale Visitenkarte benutzt und zum anderen trifft eine hierarchische Parteistruktur auf eine flache Netzwerkstruktur.
M. Kammer wies darauf hin, das technische Hürden lange Zeit den Zugang zum Netz verhinderten und dies teilweise auch heute noch tun. Weiter ist für ihn Kollaboration im Netz grundsätzlich in Gruppen mit Regeln organisiert, d.h. es gibt keine anarchische, völlig freie Bindung von Benutzern und Aktivisten, sondern immer eine regelbasierte Zusammenarbeit mit einem gemeinsamen Ziel.

Parteienkommunikation wird zu Entertainment?

Grundsätzlich ist eine Präferenz für eine Partei emotional basiert: Die Bindung an die Partei muß von den Parteien über verschiedene Strategien immer wieder bestätigt werden. Damit funktioniert Parteiwerbung wie eine klassische emotionale Produktwerbung, erläuterte M. Kammer.
M. Beckedahl wollte Parteikommunkation als solche nicht zu Entertainment sondern eher zu Edutainment oder Infotainment verschieben. Allerdings deutete er an, das Konsistenz bei der Kommunikation eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Rolle spielt. Dies griff R. Heinrich auf und bestätigte auch meine Meinung: das die Weblogs der Politiker im Bundestagswahlkampf 2005 ein Fehlschlag waren, da diese weder authentisch noch länger als nötig betrieben wurden, d.h. nach dem Wahlkampf verwaisten die Weblogs.

Abschlussrunde

Auf ein ungelöstes Problem wies M.Kammer hin: Pull-Kommunikation funktioniert bei den wichtigen Zielgruppen, politisch uninteressierten Jugendlichen, nicht. Um diese Gruppe der Nichtwähler zu aktivieren und für Politik zu interessieren, muß sich die Parteikommunkation wandeln und neue Strategien entwickeln, um diese Gruppe ”abholen„.
R. Heinrich kam auf die Veränderungen innerhalb der Parteistrukturen zu sprechen, vor allem die Vernetzung von Mitgliedern quer zur Struktur der Partei über Communities und die Einbindung von Mitgliedern, die aus verschiedenen Gründen nicht im Ortsverband aktiv, aber über das Netz erreichbar sind. M. Beckedahl sprach von einer langfristigen Veränderung von festen Strukturen der Parteien zu Netzwerken, in denen sich Ad-Hoc-Koalitionen bilden.

Mein Fazit

Das wichtigste Thema ist immer noch der Dialog: Die Parteien müssen sich öffenen und andere Möglichkeiten für Mitglieder und Interessierte bieten als Telefonnummer und Öffnungszeiten des Wahlkreisbüros im Impressum einer Webseite.
Dialog ist vor allem ein authentischer und zeitnaher Austausch von Information, die, so ist Dialog definiert, in zwei Richtungen ausgeführt wird. Weiter müssen Parteien Wege finden, über das Web Menschen zu aktivieren, die parteinah sind, aber sich nicht in den starren Parteistrukturen festlegen wollen.
Eine Möglichkeit ist die Erstellung von themenspezifischen Channels, zum Beispiel ein Weblog der Grünen über Klimaschutz oder ein Wiki der FDP zum Thema Steuerreform. Letztlich eine genaue Spezialisierung, um eine interessierte Gruppe aktiv einbinden zu können.

Leider fiel aufgrund der langen Diskussion das Thema, an dem ich besonders interessiert bin, quasi unter den Tisch: Die Möglichkeiten des Bürgerjournalismus und die Auswirkungen auf die Parteien. Bis auf diesen fehlenden Punkt der Diskussion und das sehr kleine Auditorium eigentlich eine gelungene Veranstaltung.

3 Kommentare zu 'Die Partei, die Partei'

  1. Carsten sagte am 25. Oktober 2007 um 10:57 Uhr:

    Ach wie ärgerlich, da wäre ich gern der Elfte gewesen. Mal sehen ob mir die HBS beim nächsten Mal ne Mail schickt oder ob vielleicht sogar der rifter vorher schon berichtet ;)

  2. rifter sagte am 25. Oktober 2007 um 12:43 Uhr:

    Hmmm… ich hatte überlegt, vorher kurz die Veranstaltung anzukündigen, hatte das aber irgendwie aus den Augen verloren. Sehr ärgerlich…

  3. frankchristoph sagte am 25. Oktober 2007 um 19:51 Uhr:

    ich sehe die ganzen leute vor mir, wie sie ewig reden und reden und reden - vor zehn leuten!
    achso: guter artikel!

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